Sondergutachten des Sachverständigenrates: Eine Einordnung von Dr. Andreas Geyer, ZDB, Berlin

Wir hatten zuletzt zu den aktualisierten BIP-Szenarien des IW Köln informiert, nach denen wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie von einem BIP-Rückgang zwischen 5 % und 10 % auszugehen sei. Auch die Bundesregierung ist in ihren Planungen zum Nachtragshaushalt 2020 von Einnahmeverlusten ausgegangen, denen ein Szenario des BIP-Rückganges um 5 % zugrunde lag.

Der Sachverständigenrat beziffert in einem Basisszenario nun den realen BIP-Rückgang in 2020 auf (nur) minus 2,8 % und in einem Risikoszenario auf minus 5,4 % gegenüber 2019. In seinem Herbstgutachten hatte der Rat, angesichts der Abschwungphase der deutschen Volkswirtschaft, ein BIP-Wachstum von knapp 1 % prognostiziert. Damit hat der Sachverständigenrat seine Prognose für 2020 nun um 3,7 %-Punkte wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie revidiert. Für 2021 prognostiziert er, in Erwartung großer Aufholeffekte, ein BIP-Wachstum um 3,7 %.

Im Basisszenario, das der Rat für das Wahrscheinlichere hält, wird davon ausgegangen, dass sich die wirtschaftliche Lage über den Sommer normalisiert. Im kommenden Jahr könnten Aufholeffekte das Wachstum auf 3,7 % ansteigen lassen.

Das Risikoszenario schätzt die wirtschaftlichen Folgen ab, die entstehen könnten, wenn es zu großflächigen Produktionsstilllegungen kommen sollte oder die einschränkenden Maßnahmen länger als derzeit geplant, aufrechterhalten werden. Im zweiten Quartal könnte die Wirtschaftsleistung dann um bis zu 10 % unterhalb des derzeitigen Niveaus liegen. Aufgrund des stärkeren Einbruchs im ersten Halbjahr 2020 würde sich ein jahresdurchschnittlicher Rückgang des BIP um minus 5,4 % einstellen.

Nur das Basisszenario wird im Gutachten näher ausgeführt. Demnach stoppt die Verbreitung des Corona-Virus den sich anbahnenden konjunkturellen Erholungsprozess in der Industrie durch die Störung globaler Lieferketten. Darüber hinaus wird erwartet, dass gerade im Industriebereich die weltweit gestiegene Unsicherheit sowie die Turbulenzen an den Finanz- und Kapitalmärkten die Investitionsbereitschaft im weiteren Jahresverlauf spürbar dämpfen wird. Zum anderen führen Vorsorgemaßnahmen im Zuge der stärkeren Ausbreitung des Virus zu erheblichen Umsatzeinbußen in ausgewählten Dienstleistungsbereichen (insbesondere Gastronomie, Tourismus) und in Teilen des Handels.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Bauwirtschaft sieht der Sachverständigenrat nur gering ausgeprägt. Bei den Bauinvestitionen wird im Basisszenario mit Wachstumsraten von +2,7 % in 2020 und +2,2 % in 2021 gerechnet. Damit geht der Sachverständigenrat für 2020 sogar von einem höheren Wachstum der Bauinvestitionen aus als in seinem Herbstgutachten, wo die Steigerung mit +2,2 % erwartet wurde.

Im Basisszenario sinkt die Erwerbstätigkeit in Deutschland im Jahr 2020 nur leicht (-20.000 Personen). Die Zahl der Arbeitslosen steigt nach der Prognose um rund 125.000 Personen. Die Arbeitslosenquote läge dann bei 5,3 %.

Vor dem Hintergrund der erheblichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen erwartet der Rat deutlich sinkende Haushaltssalden in diesem und im kommenden Jahr. Für das Jahr 2020 erwartet der Sachverständigenrat ein Defizit von 27,2 Mrd Euro (-0,8 % in Relation zum BIP) und für das Jahr 2021 ein Defizit in Höhe von 37,4 Mrd Euro (-1,0 % in Relation zum BIP). Dabei sinken die Steuereinnahmen um knapp 20 Mrd. Euro. Die Bundesregierung ist in ihrem Nachtraghaushalt von einem Rückgang um über 30 Mrd. Euro ausgegangen. Der Rat geht davon aus, dass die Budgets nach der Haushaltsplanung inklusive Nachtragshaushalt umgesetzt werden, die Investitionsbudgets also zum Tragen kommen.

Der Sachverständigenrat goutiert, dass von den festgelegten Ausnahmeregelungen bei der Schuldenbremse Gebrauch gemacht wird, ohne die Schuldenbremse an sich infrage zu stellen. Die beschlossenen Liquiditätshilfen, wie Zuschüsse und Stundungsmaßnahmen, werden unterstützt.

Da die Bauwirtschaft aus Sicht des Rates relativ geringeren Einschränkungen durch gesundheitspolitische Maßnahmen unterliegt, sollte aus seiner Sicht, zur Stabilisierung der Volkswirtschaft, eine Priorisierung von Investitionsvorhaben erfolgen. So könnte die durch Einschränkungen bedingte niedrigere Auslastung etwa von Schulen, ÖPNV oder Autobahnen genutzt werden, um Projekte schneller umzusetzen, als es bei normaler Auslastung möglich wäre.

Bewertung

Die Einschätzung zur Entwicklung der Bauinvestitionen (+2,7 % in 2020) erscheint sehr optimistisch.

Aktuelle Umfragen bei Unternehmen im Baugewerbe stützen diese Prognose eher nicht. So sehen bei einer aktuellen Umfrage des ZDH im Bereich Baugewerke knapp zwei Drittel der Unternehmen in 2020 Umsatzrückgängen entgegen. Die aktuelle Umfrage des DIHK zu den Folgen der Verbreitung des Corona-Virus zeigt im Bereich Baugewerbe, dass sich über 80 % der Unternehmen mit negativen Auswirkungen konfrontiert sehen. Über 30 % der Unternehmen erwarten Umsatzrückgänge zwischen 10 % und 25 %, und über 20 % erwarten Rückgänge zwischen 25 % und 50 %.

Die Unternehmen kommen zu diesen Einschätzungen, da insbesondere

  • in erheblichem Umfang inländisches und ausländisches Personal auf Baustellen fehlt,
  • logistische Engpässe bestehen,
  • Auftragsstornierungen zu erwarten sind.

Diese Faktoren scheinen unzureichend in die Prognose des Sachverständigenrates Eingang gefunden zu haben.

Auf der Nachfrageseite ist zudem insbesondere im Wirtschaftsbau von Rückgängen und Stornierungen auszugehen. Bei den positiven Bewertungen zur Umsatzentwicklung in dieser Sparte – bis zur Corona-Pandemie – waren ZDB und HDB von einer hohen Nachfrage im Dienstleistungsbereich ausgegangen. Davon kann nun nicht mehr ausgegangen werden. Im Bereich der Industrie war ohnehin eine verhaltene Investitionsneigung erwartet worden.

Eine Zusammenfassung des Sondergutachtens des Sachverständigenrates und weitere Informationen finden Sie hier https://www.bgvht.de/corona-wirtschaft/corona-pandemie-fuehrt-zu-rezession-in-deutschland/