Gemeinschaftsdiagnose der Forschungsinstitute

Die Forschungsinstitute sehen die Bauinvestitionen infolge der Corona-Pandemie mit schwachem Wachstum in 2020 (+0,2%). Für 2021 wird mit einem Wachstum um knapp 3% gerechnet.

Wir haben zuletzt unter dem 31. März 2020 zum Sondergutachten des Sachverständigenrates zu den erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie berichtet. Nunmehr liegt auch die Gemeinschaftsdiagnose der Forschungsinstitute vor.

Die Institute sehen einen deutlichen Konjunktureinbruch als Folge der Corona-Pandemie. Die Schrumpfung des Bruttoinlandsproduktes wird in 2020 um 4,2% erwartet. Im Vergleich zum Herbst 2019 revidieren die Institute ihre Prognose für das laufende Jahr damit kräftig um 5,3 Prozentpunkte nach unten.

Dabei wurde unterstellt, dass sich das Einfrieren von Teilen der Wirtschaft über eine Dauer von fünf Wochen von Mitte März bis Mitte April erstreckt. Damit wird hier eine Wiederingangsetzung der deutschen Wirtschaft nach Ostern eingepreist. Die Abschätzung des Ausmaßes der Produktionsbeeinträchtigung in den einzelnen Wirtschaftsbereichen stützt sich auf Verbandsmitteilungen, Medienberichte, Finanzmarktpreise und die März-Ergebnisse der ifo-Konjunkturumfragen. Diese deuten auf eine beispiellose Verschlechterung der Stimmung unter den deutschen Unternehmen in nahezu allen Wirtschaftsbereichen und auf eine massive Zunahme der Unsicherheit hin.

Als besonders betroffen gelten der Einzelhandel und Dienstleistungen in den Bereichen Freizeit, Unterhaltung, Kultur, Beherbergung und Gaststätten sowie Bildung, Erziehung und Betreuung. Unternehmen in anderen Wirtschaftsbereichen sind zwar nicht unmittelbar vom staatlich verordneten Shutdown betroffen. Dennoch bekommen sie dessen Folgen zu spüren, auch weil die Menschen aus Sorge um ihre Gesundheit von sich aus Konsum reduzieren. Auch wird das Arbeitsangebot durch fehlende Kinderbetreuung und Störungen beim grenzüberschreitenden Personenverkehr eingeschränkt. Industrieunternehmen drosseln ihre Produktion teilweise erheblich, da infolge der globalen Pandemie-Bekämpfung Lieferketten gestört und Aufträge weggebrochen sind. Vergleichsweise weniger betroffen sehen die Institute die Bauwirtschaft; siehe hierzu weiter unten zur Prognose der Bauinvestitionen.

Die Corona-Krise hat spürbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Infolge des Einbruchs der gesamtwirtschaftlichen Aktivität fällt das Arbeitsvolumen kurzfristig beträchtlich. Dabei dürfte die Erwerbstätigkeit in diesem Jahr um 282.000 Personen zurückgehen und die Zahl der Arbeitslosen um 236.000 steigen. Die Arbeitslosenquote wird auf 5,5% der Erwerbspersonen zunehmen. Die Zahl der Kurzarbeiter werde von 110.000 Personen Anfang des Jahres auf etwa 2,4 Millionen im Durchschnitt des zweiten Quartals hochschnellen. (Hier schlagen sich auch die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung nieder.)

Die Corona-Krise hinterlässt auch deutliche Spuren im Staatshaushalt. Die hohen Mehrausgaben und Mindereinnahmen führen in diesem Jahr zu einem Rekorddefizit im gesamtstaatlichen Haushalt von 159 Mrd. Euro. In der Herbstprognose war noch ein Plus von über 22 Mrd. Euro geschätzt worden. Der Bruttoschuldenstand des Staates in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt wird unter Berücksichtigung des hohen finanziellen Defizits und der damit verbundenen Neuverschuldung, sowie der zusätzlichen Kredite und Beteiligungen von 250 Mrd. Euro in diesem Jahr auf etwa 70% steigen. Er springt damit gegenüber der Herbstprognose um über 10%-Punkte nach oben.

Die Bauwirtschaft sehen die Institute weniger in Mitleidenschaft gezogen als andere Branchen. Vielerorts werde der Baustellenbetrieb aufrechterhalten.

Nach einem moderaten Wachstum der Bauinvestitionen im ersten Quartal 2020, rechnen die Institute mit verstärkten Produktionsbehinderungen im zweiten Quartal. Die Bautätigkeit werde dann auch angebotsseitig von Arbeitskräfte- und Materialmangel, vor allem bedingt durch innereuropäische Grenzschließungen, beschränkt sein. Zudem dürfte es aufgrund der schwach besetzten oder zeitweise pausierenden Bauämter zu Verzögerungen bei der Vergabe von Aufträgen und Genehmigungen kommen.

Die Experten erwarten vor allem ein Einbrechen im gewerbliche Bau. Im Zuge des kräftigen Rückgangs der gesamtwirtschaftlichen Aktivität und der damit einhergehenden verschlechterten Erlössituation sei zu erwarten, dass Unternehmen im weiteren Verlauf des Prognosezeitraums Bauprojekte zunächst zurückstellen oder gar nicht in Auftrag geben.

Den öffentlichen Bau sehen die Institute weniger von der Krise gezeichnet, da sie erwarten, dass geplante Investitionsbudgets umgesetzt werden.

Auch Investitionen in Wohnbauten würden angesichts der weiterhin hohen Nachfrage nach Wohnraum, insbesondere in urbanen Zentren, wohl vergleichsweise milde Rückgänge verzeichnen.

Alles in allem rechnen die Institute mit einem realen Anstieg der Bauinvestitionen um lediglich 0,2% im laufenden Jahr und um 2,8% im kommenden Jahr.

Reale Bauinvestitionen 2020 2021
Prognose Herbst 2019 Prognose Frühjahr 2020 Prognose Herbst 2019 Prognose Frühjahr 2020
Veränderung gegenüber Vorjahr in %
Wohnungsbau 2,8 1,2 2,2 3,3
Wirtschaftsbau 1,8 -2,8 1,1 1,5
öffentlicher Bau 2,2 1,5 1,4 3,4
Gesamt 2,4 0,2 1,8 2,8

Bewertung

In der Gemeinschaftsdiagnose wird der Rückgang des BIP ähnlich beziffert wie im Gutachten des IW Köln, die in ihrem „Positivszenario“ – der Annahme des Lockdowns bis Ende April – einen BIP-Rückgang von ca. -5% prognostizierten. Weit optimistischer schätzte der Sachverständigenrat im vergleichbaren Szenario („Basisszenario“) die Folgen der staatlich verordneten eingeschränkten Wirtschaftsaktivitäten mit einem Rückgang des BIP um 2,8% in 2020 ein.

Hinsichtlich der Entwicklung der Bauinvestitionen beziehen die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Institute angebots- und nachfrageseitige Komponenten umfassender ein, als der Sachverständigenrat in seinem Gutachten.

Allerdings ist der der Ansatz bei den öffentlichen Investitionen – eine Beibehaltung geplanter Investitionsbudgets zu veranschlagen – wohl zu optimistisch: Die wichtigsten Partner bei der öffentlichen Hand, die Kommunen, werden deutliche Einbußen bei der Gewerbesteuer verzeichnen. Das wird ihre Investitionsbereitschaft nachhaltig hemmen. Hier könnte ein Konjunkturprogramm, vergleichbar dem nach der Finanzkrise 2008, den Kommunen helfen. Auch beim Bund und bei den Ländern muss sich erst noch erweisen, ob die bekundete Absicht, die Investitionsbudgets wie geplant umzusetzen, so vollzogen wird.

Bei den gewerblichen Bauinvestitionen und im Wohnungsbau ist neben den Stornierungen von Aufträgen wegen erwarteter Umsatzeinbußen auch mit Schwierigkeiten bei Projektfinanzierungen zu rechnen. Den Wohnungsbau wird aber in der Tat insgesamt weiter die hohe Nachfrage stützen. Die Wohnungsmärkte werden wohl deutlich weniger heftig von den Folgen der Corona-Pandemie gekennzeichnet sein, als die Gewerbeimmobilienmärkte.

Die Kurzfassung der Gemeinschaftsdiagnose stellen wir Ihnen hier zur Verfügung:

Kurzfassung Gemeinschaftsdiagnose 2020Kurzfassung-Gemeinschaftsdiagnose.pdf(405 Downloads)